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'Ich wollte schon immer so sein wie du', sagst du. 'Ich wollte schon immer so sein wie du, aber jetzt sieh dich an! Jetzt schleichst du, jetzt hältst du deinen Kopf unten, du kriechst durch die Gassen, du weichst aus und drückst dich an Wände und wenn du besonders mutig bist, ja, dann hebst du dein Kinn und siehst dem Entgegenkommenden in die Augen, aber weißt du was? Auch das hast du noch nie geschafft. Du siehst es einfach nicht. Du bist zu sehr mit Ausweichen beschäftigt. Weißt du noch, als wir auf Bänken saßen und den Rücken gegen die Wand drücken mussten, als wir saßen und lagen und nach oben sahen und die Beine der ganzen Anderen vorbeiliefen und ich war dir im Nacken? Als jedes deiner Shirts noch nach mir roch, weißt du das noch? Ich habe dich erst dazu gebracht, das zu tun, was du jetzt tust, siehst du das ein? Wo wärst du ohne mich? Wir sind niemals gekrochen, wir saßen immer nur, wir bewegten uns nie und trotzdem, trotzdem sahen wir die Dinge als etwas Besonderes, oder? Es ist immer noch nicht richtig, begreifst du das nicht? Ich weiß längst, dass du nicht mehr an mich denkst, wenn du die Augen öffnest, ich weiß es. Auch, dass du lange nicht mehr an mich gedacht hast. Bis jetzt. Jetzt hörst du mich wieder. Früher haben wir zusammen den Dingen entgegengeblickt, und wir haben uns nicht bewegt, wir saßen und lagen einfach nur, wir waren näher an allem, an den Beinen, an denen, die vorbeigehen, an der Wand - vor allem an der Wand. Was hätten wir ohne die Wand getan? Und jetzt, jetzt sieh dich an, siehst du überhaupt noch irgendetwas? Du schleichst, du kriechst, du schiebst dich durch Lücken, aber siehst du irgendetwas? Kannst du dich überhaupt an den rauhen Putz an deinen Handflächen erinnern, an das Geräusch, als deine Fäuste gegen diese Holzplatten schlugen, gegen Backstein, gegen Betonpfeiler, als du deine Hände gegen diese Mauer drücktest, Ellenbogen durchgestreckt, du hättest fast darauf gewartet, dass sie zurückweicht, dann deine Knöchel am Torbogen, worauf haben wir da geachtet? Auf gar nichts, weißt du, auf gar nichts. Oder erinnerst du dich an noch irgendetwas? Außer an deine schmerzenden Stimmbänder, deine Unfähigkeit, zu atmen, daran, dass du deine Augenlider so sehr zusammengepresst hast, dass du verschwinden wolltest, dass du wolltest, dass es schon vorbei ist, ja? Du hast doch nicht wirklich die ganze Zeit lang geglaubt, dass du vor mir wegrennen kannst, oder? Ich werde immer da sein. Ich bin das, was dich ausmacht. Ich bin das, was den Stift in deiner Hand hält. Früher, da waren wir unschlagbar, es war doch eine gute Zeit, sieh doch nur nach, wir haben viel geschafft, sehr viel, und du fandest es nicht schlecht, ich weiß es, du fandest es nicht schlecht, du hattest sogar ein bisschen Hoffnung, dass es reichen könnte, reichen, um weiter zu kommen, um alles zurückzuholen - aber was du nicht wusstest, war, dass du mich nicht loswirst. Du willst mich doch gar nicht loswerden. Nein, das ist es nicht. Du warst gut, du warst ganz flach, ganz dicht an der Wand, du warst einfach da. Und hast du nicht das getan, was du die ganze Zeit tun wolltest? Hast du nicht? Ja, als ich noch da war, hast du noch gezuckt, und irgendwann, wenn du nach mir greifen willst, werde ich nicht mehr da sein. Ich weiß, dass du dir das vorstellen kannst. Du wusstest, wie du mit mir umgehen musst, du kanntest mich, du kamst klar, ich war das, mit dem du dich beschäftigt hast, Tag und Nacht und Tag und Nacht und du warst gut darin. Jetzt stehst du einfach nur da und schiebst dich durch so viele Dinge, es ist doch wahr, du schiebst dich einfach nur durch Lücken, und siehst du überhaupt, woran du vorbeiläufst, siehst du überhaupt noch, dass es so vieles gibt, wofür es sich lohnen würde, mich zurückzuholen? Ich bin es doch die ganze Zeit, ich warte an jeder Straßenecke, an jeder Brücke, an jeder Kreuzung, an jedem Ufer und in jedem Graben warte ich, nur du, du siehst mich einfach nicht. Während dir die Dinge vor die Füße fallen, während du stolperst, während du so vieles übersiehst oder nur streifst, ist es nicht irritierend, so vieles, so gleichzeitig, so schnell - währenddessen siehst du mich einfach nicht. Aber ich habe dich geprägt, ich habe in deinen Adern gekratzt, ich habe an deinen Händen geschürft, ich habe alles im Griff, und es ist kalt, nicht? Und du weißt, dass die Lücken immer noch da sind, die Lücken, die ich dir hinterlassen habe, damit du sie füllen kannst, mit mir, mit allem, was wir hatten, gerade tust du es doch, du wartest auf meine Hände um deinen Atem, vielleicht willst du es ja? Ich habe dich gemacht.'

 

Ich zucke mit den Schultern. 'Aber ich bin doch gar nicht hier.' sage ich. Und: 'Ich weiß nicht.'

29.2.12 23:01

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